Die ddp-Korrespondentin Tatjana Schäfer schrieb für die SVZ folgenden Beitrag über unsere Arbeit im Februar diesen Jahres:
Winterstress für Pflegekräfte
- Ambulante Pflegedienste versorgen ihre Patienten bei jedem Wetter -
Krankenpfleger Sebastian Raasch hat Probleme einen Parkplatz zu finden. Die einzige freie Lücke vor dem Haus seiner Patientin ist durch einen riesigen Schneehaufen blockiert.
«Das Schwierigste an der derzeitigen Wettersituation ist die Parkplatzsuche, weil die geräumten Schneemassen am Straßenrand aufgetürmt werden», sagt er. Der 30-jährige arbeitet für den ambulanten Pflegedienst der Diakonie in Schwerin. Die Menschen müssen bei jedem Wetter versorgt werden. Deshalb leisten Sebastian und seine Kolleginnen ihre Arbeit auch unter widrigsten Umständen. «Die alten Leute sind dankbar, dass wir sie trotz des Winterwetters besuchen und versorgen. Für viele sind wir der einzige Kontakt, den sie am Tag haben. Wenn wir nicht kommen würden, wäre das schlimm», erzählt Sebastian.
Gerade den Pflegediensten verlangt der Winter einen hohen Einsatz ab. Anspruchsvoll ist die Arbeit der Schwestern und Pfleger ohnehin. Rund 400 ambulante Pflegedienste gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nach Angaben des Sozialministeriums. Ihre etwa 5400 Mitarbeiter kämpfen sich selbst in den entlegenen Landesteilen durch verschneite Straßen täglich zu den pflegebedürftigen Senioren durch.
Seinen Patienten widmet Sebastian trotz der langwierigen Parkplatzsuche genauso viel Zeit wie sonst. Falls es zu Verspätungen kommt, muss er den zuvor geplanten Ablauf seiner Tour schnell verändern. «Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn ein Patient zu einer bestimmten Uhrzeit seine Spritze braucht. Der wird dann vorgezogen», berichtet er. Die Patienten, die in der Folge etwas länger warten müssten, hätten aber meist Verständnis.
Gabriele Bögelsack, die in der Sozialstation der Diakonie, die Anrufe entgegennimmt, weiß ähnliches über die Patienten zu berichten. Viele der Senioren würden die Schwestern und Pfleger im Moment bedauern. «Manche machen sich auch Sorgen um die Schwester, wenn sie verspätet kommt», erzählt Gabriele Bögelsack. Die alten Menschen würden dann im Büro anrufen und fragen, ob alles in Ordnung sei.
Um 15.30 Uhr hat Sebastian an diesem Tag seinen Dienst angetreten. Normalerweise beginnt die Spätschicht eine halbe Stunde später, aber wegen der schwierigen Straßenverhältnisse und des Parkplatzmangels hat er den Schichtbeginn vorverlegt. Verzögerungen ergeben sich ohnehin zwangsläufig. Bis zehn Uhr abends geht die Spätschicht normalerweise, doch im Moment wird daraus meistens nichts. «Ich fange früher an und höre später auf», sagt Sebastian gelassen. Der ausbildete Krankenpfleger studiert Gesundheits- und Pflegemanagement in Berlin und übernimmt bereits seit drei Jahren während der Semesterferien die Spätschichten im Pflegedienst. Er wirkt, als könne ihn so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen.
Seine Tour führt Sebastian quer durch das Schweriner Stadtgebiet. Vorsichtig steuert er das Auto durch enge und zum Teil spiegelglatte Seitenstraßen. Der Wagen rutscht und holpert über festgefahrene Huckel aus angetautem Schnee. Autounfälle gab es beim Pflegedienst der Diakonie bislang nicht. Schwer hätten es auch die Kolleginnen von der Frühschicht, die ihren Dienst morgens um halb sechs beginnen, wenn viele Straßen noch nicht geräumt sind: «Die fahren mit dem Auto so nah an die Wohnung des Patienten heran wie möglich und gehen den Rest des Weges mit den Medikamenten und Spritzen zu Fuß», berichtet Sebastian.
Viele Patienten der Diakonie wohnen im Neubaugebiet Großer Dreesch. «Die Straßen und Wege sind hier besonders schlecht geräumt», sagt Sebastian. Dienstagabend hat er sich im hohen Neuschnee festgefahren und kam nicht mehr vor und nicht zurück. «Die Leute standen alle an den Fenstern und haben geguckt. Aber seine Hilfe angeboten hat mir keiner», berichtet der Pfleger immer noch ein wenig fassungslos. In der Regel müsse man die Passanten ansprechen und direkt um Hilfe bitten. «Dann fassen sie auch mit an.»
Seine Arbeit macht ihm trotz der schwierigen Umstände Freude. «Die alten Menschen können oft nur deswegen weiter in ihren eigenen vier Wänden leben, weil wir täglich vorbeifahren und uns um sie kümmern. Sie sind so dankbar, dafür nimmt das gerne auf sich», sagt Sebastian nachdrücklich.
ddp/tjs